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Gemeinsam für eine klimasichere Zukunft

Küstenregionen gehören zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt. Das führt zu vielen Konflikten um die Nutzung und den Schutz dieser Regionen. Zugleich sind viele Küsten durch den Klimawandel bedroht. Die Geographin Prof. Dr. Beate Ratter erarbeitet deshalb mit ihren Teams und mit der Bevölkerung vor Ort in Projekten und Workshops Lösungen – in Ostfriesland oder auch in Namibia. Dabei kommt es nicht zuletzt darauf an einander zu verstehen, damit Küstenmanagement- und Klimaschutzmaßnahmen am Ende von allen getragen werden.

Blick auf den Hamburger Hafen vom Schiffsanleger

Besonders Hafenstädte unterliegen vielen unterschiedlichen Nutzungsinteressen (Foto: Ina Frings / HZG)

Die Küsten der Welt sind heute dichter bevölkert denn je. Küsten bieten Nahrung, sind bedeutende Wirtschaftsregionen und für den weltweiten Warenverkehr enorm wichtig – immerhin transportieren Schiffe mehr Waren als jedes andere Verkehrsmittel. Und die Bedeutung der Küsten wächst. Im Jahr 2000 lebten weltweit rund 625 Millionen Menschen am Meer. Fachleute schätzen, dass es – nicht zuletzt durch das Wachstum der küstennahen Megacities – bis zum Jahr 2060 11,3 Milliarden Menschen sein könnten.

Doch mit der immer intensiveren Nutzung der Küsten nehmen die Probleme zu. Immer mehr Menschen müssen mit Nahrung und Trinkwasser versorgt werden. In vielen Regionen führt der Ausbau von Häfen und Städten zur Zerstörung der Umwelt. Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels – häufige starke Stürme, die zusammen mit dem Meeresspiegelanstieg zu großen Überflutungen können.

Alles zusammen ergibt viele Reibungspunkte und Konflikte. Um sie zu lösen, braucht es gute Küstenmanagement-Pläne – und Experten, die in der Lage sind, alle beteiligten Interessenvertreter an einen Tisch zu holen. Eine von ihnen ist die Geographin Beate Ratter, Professorin für Integrative Geographie an der Universität Hamburg und Leiterin der Abteilung Sozioökonomie des Küstenraumes am Institut für Küstenforschung des Helmholtz-Zentrums Geesthacht (HZG). Mit ihrer Arbeit ist sie stets nah an den Menschen. Sie leitet Workshops, in denen Interessenvertreter gemeinsam Nutzungs- und Schutzmaßnahmen für Küstenregionen planen. Sie tritt als Mediatorin auf, wenn es Konflikte gibt, und nicht zuletzt befragt sie die Menschen vor Ort, welche Zukunft sie sich vorstellen können.

Fünf Jahre bis zum Erfolg

Pelikan sitzt auf einem Boot vor dem Hafen

Konfliktpotenzial durch unterschiedliche Nutzungsinteressen (Foto: Kira Gee / HZG)

Wie ein solcher Küstenentwicklungs-Prozess aussehen kann, zeigt ein Projekt, das in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Beate Ratter in Namibia durchgeführt wird. Dort geht es darum, verschiedene Nutzungsinteressen unter einen Hut zu bringen. Denn die Küste Namibias wird immer intensiver genutzt. Da hier Meeresströmungen nährstoffreiches Wasser aus den Tiefen des Atlantiks an die Wasseroberfläche befördern, sind die artenreichen Gewässer für die Fischerei und den Meeresschutz von Bedeutung. Vor der Küste im Meer liegen aber auch reiche Phosphatvorkommen, die Mineralstoffgesellschaften abbaggern und zu Dünger verarbeiten wollen.

Die Fischer befürchten, dass das Wasser verschmutzt wird. Und außerdem ist die Küste entlang der Namib-Wüste ein Touristenmagnet. Urlauber wünschen sich hier ursprüngliche, unberührte Natur. „Um eine solche Situation zu lösen, ist es wichtig die Menschen zu verstehen, die politischen und wirtschaftlichen Interessen zu erkennen, die Machtbeziehungen und auch die kulturellen Eigenheiten“, sagt Prof. Dr. Beate Ratter. Das sei stets der erste Schritt. „Und dann braucht es Offenheit und viel Zeit, um Vertrauen und gegenseitiges Verständnis aufzubauen.“ Fünf Jahre hat es gedauert, bis ein abgestimmter Meeresraumplan auf dem Tisch lag, mit dem alle Beteiligten zufrieden waren. Dieser liegt jetzt der Regierung vor, die ihn umsetzen muss.

Bedrohungen in ihrer ganzen Komplexität erkennen

Von weltweiter Bedeutung ist zunehmend die Frage, wie sich die Küstenbevölkerung auf einen steigenden Meeresspiegel vorbereiten kann und welche Schutzmaßnahmen man an den verschiedenen Küsten ergreifen sollte. Insofern liegt auch für Prof. Dr. Beate Ratter ein Schwerpunkt der Arbeit auf den Themen Klimawandel und Küstenschutz. Taucht man wie sie tiefer in diese Themen ein, wird deutlich, wie komplex die Bedrohungen sind.

Das hat das Projekt EXTREMENESS in Ostfriesland gezeigt – unter anderem mit einem Workshop-Prozess, in dem Experten unter der Leitung von Prof. Dr. Beate Ratter analysiert haben, wie sich die Menschen in Ostfriesland künftig auf extreme Wetterereignisse vorbereiten können. Denn Ostfriesland ist gleich doppelt bedroht. Zum einen muss die Deichlinie gehalten werden, um schwere Sturmfluten abzuwehren.

Spaziergänger auf einer befestigten Strandpromenade

Massives Deckwerk auf dem Deich bietet Schutz zur Seeseite bei Sturmfluten (Foto: Ina Frings)

Da ein großer Teil Ostfrieslands unter dem Meeresspiegel liegt, kommt aber eine weitere Gefahr hinzu: Starkregen. Bei lang anhaltenden Regenfällen könnte Ostfriesland wie eine Badewanne volllaufen. Normalerweise befördern Pump- und Schöpfwerke das Wasser aus dem tief liegenden Binnenland nach draußen in die Nordsee. Kommt aber eine schwere Sturmflut hinzu, die das Wasser gegen die Deiche drückt, kann das Wasser nicht mehr nach draußen befördert werden. Bei tagelangem Dauerregen, der mit dem Klimawandel häufiger auftreten könnte, liefe Ostfriesland voll.

Viele verschiedene Extremsituationen

Für die Workshops in Ostfriesland holte Prof. Dr. Beate Ratter viele Beteiligte zusammen: Vertreter des THW, der Feuerwehr, der Deichverbände, der Landwirtschaftskammer oder auch des VW-Werks in Emden. „Zunächst haben wir die Teilnehmer gefragt, was für sie eigentlich eine Extremsituation ist“, erzählt Prof. Dr. Beate Ratter. „Und damit wurde recht schnell klar, dass jeder seine ganz eigene Vorstellung hat.“ Für den einen waren es Container, die sich bei einem Orkan von Schiffen losreißen und Löcher in den Deich schlagen. Andere befürchteten, dass die Deiche durch mehrere Sturmfluten hintereinander und Regenfälle durchweicht werden könnten. Wieder andere fürchteten, dass das Regenwasser Straßen und Bahnlinien überspült.

„Es zeigte sich, wie vielschichtig die Bedrohungen sind“, sagt Prof. Dr. Beate Ratter. Die Erkenntnisse aus der Befragung gab sie dann an die Wissenschaftler der Systemmodellierung im Helmholtz-Zentrum Geesthacht weiter, die am Computer drei mögliche Überflutungsszenarien für Ostfriesland errechneten – etwa das Versagen einer Schleuse bei Sturmflut. Diese Szenarien übernahm die Stadt Emden in eine ihrer routinemäßigen Katastrophenschutzübungen, in der es darum ging, auf die Katastrophe zu reagieren – auf Stromausfälle, überspülte Bahnlinien, geschlossene Schulen und Supermärkte. Alles wurde durchgespielt.

Teilnehmer einer Katastrophenschutzübung in Emden

Katastrophenschutzübung in Emden unter Einbeziehung simulierter Extremereignisse (Foto: Jürgen Schaper / Uni Hamburg)

„Eine wichtige Erkenntnis aus einem solchen Workshop-Prozess ist, dass es Kaskadeneffekte gibt – Kettenreaktionen, die die Teilnehmer vorher nicht im Blick haben, weil sie im Alltag in der Regel nur ihren eigenen Zuständigkeitsbereich im Fokus haben“, sagt Prof. Dr. Beate Ratter. Dank der Interdisziplinarität lieferten die Workshops den Blick aus der Vogelperspektive. „Erst im gegenseitigen Austausch und im simulierten Üben erlernt man wirkliche Problemlösungskompetenz.“ Ein Ergebnis der Workshops und des EXTREMENESS-Projekts: Die Feuerwehr in Ostfriesland will jetzt zusammen mit dem Team des Helmholtz-Zentrums Geesthacht die Katastrophenpläne überarbeiten.

Der Mensch als irrationales Wesen

„Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“, lautet eine alte Weisheit. Prof. Dr. Beate Ratter hat in den vergangenen Jahren aber auch gelernt, dass Menschen nicht immer rational handeln – wenn es darum geht, Risiken zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. „Die Gesellschaft ist ein nichtlineares, dynamisches System, das kulturell in Erfahrungen eingebettet ist – sie handelt leider nicht immer vernünftig“, sagt sie. „Wenn zum Beispiel wirtschaftliche oder politische Interessen dagegenstehen, dann wählt man eben nicht immer die richtige, sondern im Zweifelsfall die politisch motivierte Lösung. Naturwissenschaftler denken häufig, dass es nur mehr Fakten und mehr Wissen braucht, damit Menschen richtig entscheiden – das ist leider nicht immer so.“

Wie schwierig der Weg zum klimasicheren Küstenschutz mitunter sein kann, zeigte das Projekt DICES, für das Beate Ratter zusammen mit Küstenschutzingenieuren zwischen 2016 und 2019 mehrfach auf die Malediven gereist ist, um dort die Situation zu analysieren und Interviews zu führen. Unter anderem sollte untersucht werden, ob sich dort aus natürlichen Materialien wie etwa Kokosfasern oder Bambus kostengünstiger Küstenschutz herstellen lässt.

Massive Erosion an den Küsten der Malediven Inseln

Massive Küstenerosion an der Ostküste Fuvahmulahs, Malediven (Foto: Beate Ratter)

Doch der Prozess war schwierig. Prof. Dr. Beate Ratter und ihre Kollegen erkannten, dass die Küstenerosion dort nicht nur durch den Meeresspiegelanstieg, sondern auch durch falsche Entscheidungen verursacht wird. Durch den Bau eines Hafens etwa haben sich Strömungen verlagert, wodurch das Meer massiv Sand von der Küste abträgt. „Man hätte den Hafen an anderer Stelle bauen können, aber die nationale Politik entschied anders und die lokale Bevölkerung muss jetzt die Konsequenzen tragen“, sagt Beate Ratter. Wenn Regierungen entscheiden, ohne die Bevölkerung in die Prozesse einzubinden, sei es überaus schwierig, einen Küstenschutz zu entwickeln, den alle mittragen.

Klimainitiativen begleiten

Prof. Dr. Beate Ratter ist international viel aktiv – vor allem durch Projekte an der Universität Hamburg. So hat sie unter anderem auch am Sonderbericht des Weltklimarates „Ocean and Cryosphere“ mitgearbeitet und ihre Expertise als leitende Autorin in das Kapitel zum Thema „Extremes, Abrupt Changes and Managing Risks“ eingebracht.

Von Interesse ist für sie aber auch der Klimawandel, der sich direkt vor unserer Haustür in Deutschland abspielt. So hat sie zum Beispiel mehrere Jahre lang im Verbund REKLIM (Regionale Klimaänderungen) mitgearbeitet, in dem neun Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft gemeinsam die regionalen Auswirkungen des Klimawandels ergründen. Das Besondere an diesem Verbund ist, dass er Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete zusammenbringt, die normalerweise nicht miteinander arbeiten. Dadurch ergeben sich ganz neue Erkenntnisse.

Für REKLIM hat das Team von Prof. Dr. Beate Ratter das Projekt klimafit wissenschaftlich begleitet, das die REKLIM-Geschäftsstelle am Alfred-Wegener-Institut gemeinsam mit der Umweltstiftung WWF und Volkshochschulen seit 2017 veranstaltet hat. In Form von Volkshochschulkursen wurden Interessierte an mehreren Abenden über die Folgen des Klimawandels in ihrer Region und mögliche Anpassungsstrategien aufgeklärt.

Prof. Dr. Beate Ratter hatte die Aufgabe, die ersten Pilotkurse zu analysieren, um die Folge-Kurse zu optimieren. Dafür saßen sie und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Kursen bei. Außerdem führten sie mit den Teilnehmern Interviews. Die Erkenntnis: Es ist wichtig, dass sich die Teilnehmer persönlich treffen, sich austauschen. Prof. Dr. Beate Ratter: „Die Teilnehmer verfügten bereits über sehr viel Vorwissen – entscheidend war gar nicht so sehr die Wissensvermittlung, sondern die Möglichkeit, das Thema gemeinsam anpacken zu können. Für das Projekt „klimafit“ hieß das auch, dass Online-Kurse keine Option sind.“ Außerdem wurde deutlich, dass der Klimawandel ein extrem emotionales Thema ist. Auch das wurde in den folgenden klimafit-Kursen stärker berücksichtigt.

Die Menschen verstehen und mitnehmen – das ist für Prof. Dr. Beate Ratter entscheidend für Projekte zur Küstenentwicklung oder zur Anpassung an den Klimawandel. „Ganz klar, die Sozioökonomie und die regionale Kultur spielen eine große Rolle in der Küstenforschung. Wenn wir das gesellschaftliche System mit seiner nichtlinearen Dynamik nicht berücksichtigen, dann wird es trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnis schwierig, Maßnahmen erfolgreich in die Tat umzusetzen.“

Frau mit Hund steht in einer Polderlandschaft

Polderlandschaften können für einen naturnahen Küstenschutz einbezogen werden (Foto: Ina Frings)

Mit dem aktuellen Projekt CLICCS (Climate, Climatic Change and Society), das von der Universität Hamburg koordiniert wird, soll das gelingen. Darin sollen an der deutschen Nordseeküste Ideen für einen naturnahen Küstenschutz umgesetzt werden. Die Fischerei, die Überdüngung der Elbe und Alternativen zu harten Deichen, wie zum Beispiel Überschwemmungsflächen und Polder, sind Themen, die Prof. Dr. Beate Ratter und ihre Kollegen in CLICCS unter einen Hut bringen müssen. Wenn man bedenkt, wie erfolgreich ihre Arbeit bislang war, dann dürfte sie auch diese Herausforderung meistern.

(Text: Wissenschaftsjournalist Tim Schröder)

Ansprechpartnerin


Prof. Dr. Beate Ratter
Prof. Dr. Beate Ratter

Leitung der Abteilung Sozioökonomie des Küstenraumes

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