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Zwischen Wortgefecht und Kompromiss

Wie gelingt der Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis?

Im Auftrag des Climate Service Center 2.0 (CS2.0) entstand der erste umfassende Literaturbericht zum Thema Transdisziplinarität. Der Forschungsbedarf liegt auf der Hand: Bei Dialogen etwa wie Energiewende, Elbvertiefung oder Anpassung an den Klimawandel treffen Akteure aus unterschiedlichsten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Gruppen aufeinander.

Carina Brinkmann [Foto: privat]

Die Kernfrage des Literaturberichts lautet: Was weiß die Forschung über gelingende Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis? „Uns war klar, dass zu diesem Thema viele verschiedene Ansätze existieren“, sagt Hauptautorin Carina Brinkmann, die für das CS2.0 tätig ist. „Überrascht hat uns jedoch, dass zwischen diesen ,Schulen‘ bislang so gut wie kein Austausch stattfindet.“

Fallbeispiele zu den vorhandenen Ansätzen stammen aus so unterschiedlichen Bereichen wie der Regionalentwicklung, der Gesundheitswissenschaft, der Psychologie oder der Umweltforschung.

„Hier liegt der Grundgedanke unseres Projekts“, erklärt Projektleiterin Susanne Schuck-Zöller vom CS2.0.„Wir wollen die verschiedenen wissenschaftlichen Fächer zusammenbringen, die eng mit der Praxis kooperieren, und erfahren, was alle voneinander lernen können."

Susanne Schuck-Zöller [Foto: privat]

Welche Faktoren den Dialog mit Experten aus der Praxis gelingen lassen, darauf geben wichtige transdisziplinäre Ansätze – etwa von der ETH Zürich oder dem Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) – durchaus Antworten: Man gibt allen Parteien einen sichtbaren Einfluss auf den Dialog, klärt frühzeitig die Ziele aller Gesprächspartner, hat einen neutralen Moderator mit an Bord und bedient sich einer allgemeinverständlichen Sprache.

Jedoch fehlt es bislang an unabhängigen Bewertungen der vorhandenen Modelle. Hier sehen die Autoren und Autorinnen den größten Forschungsbedarf.

Dr Simone Roedder

Simone Rödder [Foto: privat]

„Es existiert bislang keine Meta-Evaluation, die mehrere Ansätze miteinander vergleichen würde“, sagt Dr. Simone Rödder vom Exzellenzcluster CliSAP der Universität Hamburg.Neben den Wissenschaftlerinnen aus Hamburg hat auch Dr. Matthias Bergmann vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) und von der Leuphana Universität Lüneburg an dem Bericht mitgewirkt.

Die Autoren und Autorinnen präsentieren ihre Ergebnisse am 25. November 2014 zum Auftakt des zweitägigen Workshops „Dialoge zwischen Wissenschaft und Praxis“ in Hamburg. Zu diesem Workshop erwartet das CS2.0 Wissenschaftler und Praxisakteure, die Erfahrung mit Dialogen zwischen Wissenschaftlern und Praxisakteuren haben.

Der kostenlose Workshop soll in kleinen Arbeitsgruppen Prinzipien des guten Praxispartner-Engagements ermitteln, Methoden und Good-Practice-Beispiele diskutieren und weiteren Forschungsbedarf identifizieren.

Eine Registrierung für den Workshop ist bis zum 15. November 2014 möglich.
Direkt zur Anmeldung

Veröffentlichung: Brinkmann, C.; Bergmann, M.; Rödder, S.; Schuck-Zöller, S. (in print): Zur Integration von Wissenschaft und Praxis als Forschungsmodus ─ ein Literaturüberblick. CS-Report 23, Hamburg 2015

Zur Person


Carina Brinkmann Die Wissenschaftssoziologin aus Berlin arbeitet derzeit freiberuflich im Auftrag des Climate Service Center 2.0 zu transdisziplinären Dialogen.

Prof. Dr. Matthias Bergmann Im Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) arbeitet der Ingenieur für Elektro- und Umwelttechnik an den wissenschaftlichen Grundlagen der Transdisziplinarität und lehrt als Gastprofessor an der Fakultät Nachhaltigkeit der Leuphana Universität Lüneburg.

Dr. Simone Rödder Forscht als Soziologin am Exzellenzcluster CLISAP der Universität Hamburg, unter anderem im Projekt "Understanding Science in Interaction" (USI).

Susanne Schuck-Zöller Referentin für Netzwerkkoordination im Climate Servcie Center 2.0. Die gelernte Journalistin und Literaturwissenschaftlerin leitete von 2000 bis 2010 die Stabsstelle Presse und Kommunikation der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

  • Seit wann beschäftigt sich die Wissenschaft mit dem Thema Transdisziplinarität? Carina Brinkmann:
    Etwa seit den 90er Jahren. Ältere Ansätze haben dabei vor allem gefragt, wie Praxisakteure stärker von der Wissenschaft profitieren können. Neuere Ansätze – etwa von der ETH Zürich oder vom Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt – wollen außerdem aus Praxispartner-Dialogen neue Fragen für die Wissenschaft generieren. Was uns insgesamt überrascht hat, ist die Tatsache, dass zwischen den einzelnen Ansätzen bislang so gut wie kein Austausch stattfindet.
  • Das heißt: Sie betreten Neuland mit Ihrem Literaturbericht? Susanne Schuck-Zöller:
    Nach allem, was wir wissen, sind wir tatsächlich die Ersten, die das so umfassend machen. Genau das war unsere Grundidee: Wir haben eine Menge Erfahrung mit Praxispartner-Dialogen im Bereich der Klimawandelforschung. Aber wenn ein Krebsforscher mit Patienten oder praktizierenden Ärzten spricht, dann hat er es ja mit ganz ähnlichen Kommunikations-Phänomenen zu tun. Dasselbe gilt für Themen wie Lebensmittelsicherheit, Regionalentwicklung oder auch die Genforschung. Wir wollen die verschiedenen Disziplinen zusammenbringen – und dann sehen, was wir voneinander lernen können.
  • Wodurch unterscheiden sich die Modelle, die Sie gefunden haben? Dr. Simone Rödder:
    Es gibt viele Ansätze auf dem Markt – inhaltlich aber deutlich weniger Diversität als vermutet. Alle haben dieselben Ziele und ähnliche Wege, diese Ziele zu erreichen. Welcher Ansatz sich wofür am besten eignet, weiß streng genommen niemand. Es existiert bislang keine Meta-Evaluation, die mehrere Ansätze miteinander vergleichen würde.
  • Was macht Transdisziplinarität so schwierig? Dr. Simone Rödder:
    Wir haben es bei der Integration von Wissenschaft und Praxis immer mit grundlegenden Spannungsfeldern zu tun. Etwa zwischen Handlungsorientierung und wissenschaftlicher Anschlussfähigkeit. Das sind Gegenpole: Je mehr man in die eine Richtung geht, desto weniger geht man in die andere. Das ist unausweichlich. Ein zweites Spannungsverhältnis besteht zwischen Inklusion und Komplexität. Je mehr Leute am Tisch sitzen, desto einfacher muss die Sprache werden. Dabei geht notwendigerweise Komplexität verloren. Selbst die beste Methode kann diese Spannungen nicht auflösen, sondern höchstens dabei helfen, den jeweils besten Kompromiss zu finden.
  • Sie präsentieren Ihren Forschungsbericht beim Workshop „Dialoge zwischen Wissenschaft und Praxis“, der am 25. und 26. November in Hamburg stattfindet. Wer wird an diesem Workshop teilnehmen? Susanne Schuck-Zöller:
    Zum einen sind das Leute, die selbst Dialoge zwischen Wissenschaft und Praxis veranstalten, etwa vom Krebsinformationsdienst, aus dem Bereich Klima und Nachhaltigkeit oder aus der Schulforschung. Die zweite Gruppe sind Wissenschaftler, die über diese Art Dialoge forschen. Und drittens erwarten wir eine Reihe von Praxisakteuren, also Leute aus der Verwaltung, aus der Politik und natürlich aus der freien Wirtschaft, die immer wieder als Partner bei diesen Dialogen fungieren.

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Heidrun Hillen
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