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Institut für Küstenforschung

Zum Teilinstitut Biogeochemie im Küstenmeer

Porträt

Querdenker mit Abenteuerlust

Was bewegt Institutsleiter Kay-Christian Emeis?

Prof. Kay-Christian Emeis leitet den Bereich Biogeochemie im Küstenmeer am Institut für Küstenforschung

Prof. Kay-Christian Emeis

Foto: HZG/ Christian Schmid

Manch eine Entdeckung gelingt nebenbei. Zum Beispiel, als im Herbst 2019 das Forschungsschiff „Sonne“ von Hongkong aus Kurs auf Mauritius nimmt. Mit an Bord ist Kay-Christian Emeis, Institutsleiter am Helmholtz-Zentrum Geesthacht. Seit Wochen hat sich der Geologe auf die Fahrt gefreut – schließlich wird es für ihn die letzte auf diesem Posten sein: 2021 geht der 64-Jährige in den Ruhestand.

Einmal lässt er gemeinsam mit Kollegen ein Messinstrument in den Ozean gleiten, als es zu dämmern beginnt. Das Team schaltet deshalb Decksscheinwerfer an. Deren Licht lockt fliegende Fische an, die über das Wasser tanzen. Kalmare folgen und jagen die flinken Tiere. „Plötzlich tauchten auch Mahi Mahis im Kegel der Scheinwerfer auf“, erinnert sich Emeis an die großen, blau-golden schimmernden Raubfische, die besonders gerne Kalmare fressen. „Und dann schoben sich noch Haie ins Licht und schnappten nach den Mahi Mahis. Binnen weniger Minuten hatte sich vor unseren Augen eine ganze Nahrungskette aufgebaut – ein Spektakel für jeden Forscher.“

Es sind Momente wie diese, die Emeis an seiner Arbeit so liebt: Als Spezialist für Biogeochemie will er die komplexen Zusammenhänge ergründen, die sich in verschiedenen Meeresregionen abspielen. Wie wirkt sich die chemische Zusammensetzung des Wassers auf Lebewesen und Bildung von Sedimenten aus? Welche Lebensformen und Prozesse begünstigen die jeweiligen Inhaltsstoffe? Und wie verändert sich dieses Zusammenspiel mit den Jahreszeiten – oder über Jahrmillionen? Forschen über die Grenzen seines Fachs hinaus fesselt den geborenen Flensburger seit jeher: Mit großer Neugier bereist er nicht nur alle Ozeane, sondern saugt auch das Wissen ganz unterschiedlicher Disziplinen auf, immer auf der Suche nach überraschenden Querverbindungen. Als Student besucht er nicht nur Kurse in Geologie, sondern interessiert sich genauso für Paläontologie und Mineralogie. Erste Expeditionen führen ihn seit den 1980er Jahren sowohl unter die Erde, in unbekannte Höhlensysteme, als auch hinaus aufs Meer auf das Deck von Forschungs- und Bohrschiffen. Das empfindliche Ökosystem tropischer Korallenriffe interessiert ihn genauso, wie das Ausbleiben der großen Fischschwärme vor der Küste Namibias, er begeistert er sich für das Mittelmeer der Vorzeit, aber auch für das deutsche Watt unserer Tage. „Mich treiben meine Neugier und eine gewisse Abenteuerlust“, so Emeis. Das Motto der Geologie, nach der die Jetztzeit der Schlüssel zur Vergangenheit ist, gelte schließlich ja auch umgekehrt:

"Aus der geologischen Vergangenheit lernen wir viel über kommende Entwicklungen unserer Erde."

Seit neun Jahren leitet Emeis neben seiner Tätigkeit als Geologie-Professor an der Universität Hamburg den Forschungsbereich „Biogeochemie im Küstenmeer“ am HZG. Bis zu seiner Pensionierung im kommenden Jahr verfolgt er dort ehrgeizige Pläne: Er verantwortet das Helmholtz Coastal Data Center (HCDC). Diese neue digitale Plattform soll die Daten von Küstenforschern unterschiedlicher Institutionen und Disziplinen vereinen. „In den kommenden zwei Jahren wollen wir zu dem zentralen Datenzentrum für die Nordsee werden“, so Emeis. Einen Wermutstropfen hat die mit den Jahren gewachsene Verantwortung für Emeis allerdings: Die Zahl seiner Expeditionen ist gesunken. Längst sitzt er häufiger in Konferenzräumen als an Labortischen unter Deck. Dabei liebt er das Leben auf See, trotz der Enge an Bord, die gerade für einen hoch gewachsenen Mann wie ihn mitunter zum Problem wird. „Schiffe waren schon immer Teil meines Lebens, nicht nur beruflich“, betont er. So lernte er schon als Teenager segeln. „Selbstverständlich, das ist doch der Spaß daran!“, antwortet er auf die Frage, ob er als Institutsleiter denn noch immer mit anpacken müsse bei den körperlich anstrengenden Jobs an Bord.

"Raus bei Wind und Wetter, auch morgens um drei, weil die Probenahme ansteht – das mag ich!"

Womit wir wieder bei Entdeckungen wären, die mitunter nebenbei glücken. Denn ein Zufall hatte dafür gesorgt, dass Emeis an Bord der „Sonne“ für jene Messungen zuständig ist, eine Kollegin war krank geworden. Und so sitzt nun der Professor vor den Daten. Sie stammen vom Grund des Maskarenen-Plateaus im Indischen Ozean: Das knapp unter der Wasseroberfläche liegende Felsriff ist Ziel der Expedition und trägt trotz seiner tropischen Lage überraschend wenige Korallen. Bislang können Wissenschaftler diesen Mangel nicht zufriedenstellend erklären. Die Forscher an Bord der „Sonne“ wollen deshalb Sedimentproben entnehmen. „Meine Wasserproben dagegen waren eher reine Routineaufgabe“, so Emeis, „um nebenbei Daten über diese Meeresregion zu sammeln, etwa zur Dichte, Temperatur und den Nährstoffgehalten des Wassers.“

Emeis fällt auf, wie niedrig der Sauerstoffgehalt in einigen Wassertiefen ist – dort herrschen ungünstige Bedingungen für Korallen. Emeis sieht dafür zwei Erklärungen: Zum einen mischen sich am Plateau zwei Meeresströmungen mit sehr unterschiedlichem Sauerstoff- und CO2-Gehalt. Zum anderen liegt das Riff direkt im Wege des Südäquatorialstroms im tropischen Indischen Ozean. Dieser Strom fließt mit hoher Geschwindigkeit über das Plateau. Zusätzlich wirken die Gezeiten auf den Grund, sodass sich die Eigenschaften des Wassers dort zweimal täglich radikal ändern, was es Korallen schwer macht, sich anzusiedeln.

Und so ist es Neugier und das Zusammenführen unterschiedlicher Disziplinen, das die Meeresforschung um ein Puzzlestück bereichert hat. Dazu braucht es Anpacker und Querdenker. Forscher wie Kay-Christian Emeis.


Autorin: Jenny Niederstadt
Erschienen in der In2science #9 (April 2020)