| Interview

"Es existieren noch viele offene Fragen" - Interview mit Dr. Marcus Reckermann über Baltic Earth

Teaser Algenbluete Ostsee

Eine Algenblüte in der Ostsee.

Im Rahmen ihres Praktikums am Internationalen Baltic Earth Sekretariat am Helmholtz-Zentrum Geesthacht führte Paulina Garbarczyk das folgende Interview über Baltic Earth mit dem Leiter des internationalen Baltic Earth Sekretariats Dr. Marcus Reckermann.

Seit wann gibt es Baltic Earth?

Baltic Earth

Baltic Earth ist die Fortsetzung eines früheren Programms namens BALTEX, das 20 Jahre lang existierte (1993-2013). Das Forschungsprogramm, an dem viele Wissenschaftler und Institutionen beteiligt waren, umfasste das gesamte Wassereinzugsgebiet der Ostsee. Forschungsschwerpunkte waren Hydrologie, Meteorologie und Ozeanographie. Dieses Programm umfasste zwei Phasen. Die zweite Phase erweiterte die Forschungsthemen und lief bis 2013. Zusätzliche Fragestellungen waren regionaler Klimawandel, Klimavariabilität und Biogeochemie, aber die Aktivitäten umfassten auch Ausbildung (Summer Schools) und Kontakte zu verschiedenen "Stakeholdern", also Interessensvertretern und der allgemeinen Öffentlichkeit. 2013 wurde dann beschlossen keine weitere, dritte BALTEX-Phase zu beginnen, sondern etwas Neues zu schaffen. So wurde Baltic Earth gegründet. Baltic Earth führt in großen Teilen BALTEX Phase II fort, aber fügt auch neue Aspekte hinzu, wie zum Beispiel die Untersuchung der Rolle des Menschen im regionalen Erdsystem.

Welche Hauptfragestellungen deckt die Forschung im Zusammenhang mit Baltic Earth ab?

In BALTEX war das Forschungsprogramm rund um sogenannte "research objectives", also bestimmte Forschungsziele organisiert. In Baltic Earth haben wir jetzt etwas, was wir als "grand challenges", also Herausforderungen an die Forschung bezeichnen. Das sind die Forschungsthemen, die die Steuergruppe von Baltic Earth zum jetzigen Zeitpunkt als wichtige Forschungsgebiete definiert hat. Aktuelle "grand challenges” sind:

Dynamik des Salzgehalts der Ostsee: Wie bekannt ist die Ostsee ein Brackwassermeer und die Dynamik ihres Salzgehaltes steht im Zusammenhang mit den allgemeinen klimatischen, meteorologischen, hydrologischen und ozeanographischen Gegebenheiten. Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, ist ob die Ostsee in Zukunft frischer oder salziger werden wird, und welche Konsequenzen das für die in der Ostsee lebenden Organismen hat. Der Salzgehalt der Ostsee steht in enger Verbindung zum Wasser- und Energiekreislauf im Wassereinzugsgebiet.

Biogeochemische Rückkoppelungen zwischen Land und Meer: Dies umfasst all die Prozesse im Wassereinzugsgebiet, wie zum Beispiel Nährstoffumsatz und Abfluss, sowie deren Einfluss auf die Biogeochemie der Ostsee.

Naturgefahren und Extremereignisse: Beispiele sind im Wassereinzugsgebiet der Ostsee auftretende Überflutungen oder Stürme.

Meeresspiegeldynamik: Der Meeresspiegel in dem fast abgeschlossenen Ostseebecken, das nur einige wenige enge Ausgänge zum offenen Ozean hat, unterliegt stärkeren Schwankungen als der globale Meeresspiegel. Auch wirkt die Landhebung im Nordteil des Beckens dem globalen Meeresspiegelanstieg entgegen. Wir wollen verstehen, wie sich der Meeresspiegel der Ostsee der Zukunft entwickeln wird. Regionale Eigenheiten, die den lokalen Meeresspiegel bestimmen, existieren aber auch in anderen Gebieten der Erde.

Regionale Schwankungen von Wasser- und Energieaustauschprozessen: Das ist im Prinzip die Fortsetzung der Ursprünge von BALTEX. Es existieren noch viele offene Fragen bezüglich der Wasser- und Energieflüsse im Ostseegebiet, die für das regionale Klima von Bedeutung sind.

All diese Gesichtspunkte müssen von einzelnen Forschungsprojekten gezielt untersucht werden. Die von Wissenschaftlern hauptsächlich verwendeten Werkzeuge sind numerische Modelle und die Analyse von Beobachtungen.

Warum ist die Ostsee für ein derartiges Netzwerk ein interessantes Forschungsgebiet?

Da muss ich auf die Geschichte zurückgreifen. BALTEX war seit seinen Anfängen Teil des GEWEX-Programms, das sich mit großen kontinentalen Flusseinzugsgebieten überall auf der Welt beschäftigt. Ziel dieser weltweiten Forschung ist es, den regionalen Energie- und Wasserkreislauf in verschiedenen Teilen der Erde besser zu beschreiben und so regionale Klima- und Wettermodelle zu verbessern. BALTEX hat das Ostseeeinzugsgebiet als großes Flusseinzugsgebiet mit einer ozeanographischen Komponente verstanden. Zu dieser Zeit (am Anfang der Neunzigerjahre) fiel der eiserne Vorhang zwischen den ost- und westeuropäischen Staaten und BALTEX hat dabei geholfen, den freien Transfer von wissenschaftlicher Information, Daten und Menschen zu erleichtern. Seitdem sind über zwanzig Jahre vergangen und inzwischen ist es völlig normal, dass russische oder estnische Wissenschaftler problemlos Teil des Netzwerkes sind.

Also warum ist die Ostseeregion so interessant für uns? Zunächst umfasst das Einzugsgebiet etwa 20 Prozent des europäischen Kontinents. Der Norden wird größtenteils von einem subarktischen Klima bestimmt, der Süden eher von einem borealen Klima und hoher Einwohnerdichte. Das Einzugsgebiet ist eine alte Kulturlandschaft in der Menschen seit tausenden Jahren zusammengekommen sind, außerdem es gibt hier eine lange Wissenschaftstradition. Die Ostsee selbst hat eine sehr interessante Biogeochemie, die sich von der der Nordsee und anderer Kontinentalschelfe unterscheidet. Das hängt mit der Bodenbeschaffenheit der Ostsee und den engen Durchlässe zum Weltozean zusammen, die einen leichten Wasseraustausch erschweren. Es gibt also eine Menge interessanter und wichtiger Forschung, die hier unternommen werden kann. Ein weiterer Aspekt ist die Notwendigkeit für die Anrainerstaaten, die gemeinsamen Umweltprobleme im Einzugsgebiet der Ostsee zu lösen und wir hoffen, dass Baltic Earth als internationales und interdisziplinäres Forschungsnetzwerk in der Region ein bisschen dazu beitragen kann.

Wer sind die Partner in dem Netzwerk und welche “Stakeholder” sind beteiligt?

Baltic Earth Logo 300dpi

In Wesentlichen handelt es sich um ein Forschungsnetzwerk, das Wissenschaftler und wissenschaftliche Institutionen der verschiedenen Länder rund um die Ostsee bzw. in deren Einzugsgebiet umfasst. Das sind die wichtigsten Teilnehmer. Zusätzlich zur Wissenschaftsgemeinde zielen wir auch auf Kontakte mit politischen Stakeholdern ab. Als Beispiel kann ich die gute Zusammenarbeit mit HELCOM anführen, der Schnittstelle zwischen Politik und Wissenschaft in der Ostseeregion. HELCOM hat unser BACC Material für ihre eigenen Bewertungs- (Assessment-) Berichte verwendet. Wir haben auch mit internationalen Organisationen wie BSSSC (der Konferenz der Subregionen des Ostseeraums), CBSS (dem Rat der Ostseestaaten) und PSO (dem Forum der Parlamentsmitglieder der südlichen Ostsee) zusammengearbeitet. Dabei handelt es sich um politische Netzwerke, die daran interessiert sind, zuverlässige wissenschaftliche Informationen für den politischen Entscheidungsfindungsprozess zu erhalten.

Welche Schwierigkeiten gibt es bei der Zusammenarbeit mit so vielen Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern?

Eine Sache, die sowohl gut als auch schlecht ist, ist die Verständigung auf Englisch. Damit müssen wir alle zurechtkommen. Obwohl die Kommunikation manchmal schwierig ist, hat kein Land einen Vorteil, da in allen Ländern Englisch eine Fremdsprache ist. Für mich ist das etwas Positives. Davon abgesehen unterscheidet sich die Finanzierungssituation von Land zu Land. Die Wissenschaftler arbeiten jedoch im Rahmen der Budgets ihrer Heimatinstitutionen oder ihrer eigenen Projekte. Die einzigen Zusatzkosten entstehen durch Reisen und fast alle Teilnehmer können auch zu unseren Treffen kommen. Natürlich gibt es auch kleinere Unterschiede in der Mentalität und zum Beispiel bei Zeitvorstellungen. Wenn wir Deutschen eine Konferenz vorbereiten, werden wir nervös, wenn nicht alles zwei Jahre im Voraus vorbereitet ist. In anderen Ländern heißt es ein halbes Jahr vorher: „Wir haben noch jede Menge Zeit!” Zusammenfassend kann ich sagen, dass wir hier eine gemeinsame Wissenschaftskultur haben, was ich als sehr positiv empfinde.

Wer bringt die Wissenschaftler und die Projekte zusammen? Wer koordiniert das Netzwerk?

Baltic Earth ist ein selbstorganisiertes Wissenschaftler-Netzwerk. Es gibt keine Hierarchien. Die Wissenschaft wird von den Wissenschaftlern in ihren eigenen Instituten gemacht. Aber es gibt eine wissenschaftliche Steuergruppe von etwa zwanzig Leuten, die dafür verantwortlich ist, die Richtung der Forschung vorzugeben. Das sind Leute aus den verschiedenen Ländern und Forschungsdisziplinen. Meiner Meinung nach gibt es zwei Worte, die das Baltic Earth Netzwerk perfekt beschreiben: „International” und „interdisziplinär”. Der Sinn ist, Projekte zusammenzuführen, die sowieso durchgeführt werden, um einen Zusatznutzen für die ganze Region zu erhalten, zu versuchen, die Ergebnisse individueller Projekte zusammenzufassen und, mit dem Ziel existierende Wissenslücken zu identifizieren, zu bewerten und neue Projekte anzuregen. Außer der Steuergruppe gibt es Arbeitsgruppen, die für die Einrichtung und Koordination von speziellen Forschungsthemen und „great challenges” verantwortlich sind.

Wie finanziert sich Baltic Earth?

Es gibt keine speziell Baltic Earth gewidmete zentrale Förderung. Die einzige langfristige stabile finanzielle Unterstützung ist die Förderung der BALTEX und Baltic Earth Sekretariate hier am Helmholtz-Zentrum Geesthacht (HZG). Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, HZG für diese langjährige Investition in die Ostsee-Forschungsgemeinde zu danken. Die teilnehmenden Wissenschaftler und Forschungsgruppen arbeiten mit ihren „eigenen” Budgets, d.h. entweder finanziert durch ihre Institute oder durch Mittel von nationalen oder internationalen (zum Beispiel EU) Quellen. Die BALTEX-Forscher waren sehr erfolgreich bei der Einwerbung von Forschungsmitteln in beiden BALTEX Phasen. Zur Zeit gibt es einen Forschungsantrag aus der Baltic Earth-Gemeinschaft, bei dem es um Extremereignisse in der Ostsee-Region geht und für den wir auf EU-Förderung hoffen.

Was sind die Hauptaufgaben des Baltic Earth Sekretariats?

Das Sekretariat ist hauptsächlich mit der Koordination der Aktivitäten befasst, hilft der Steuergruppe bei logistischen Aufgaben, organisiert Treffen, Konferenzen, Workshops, Sommerschulen und Veröffentlichungen. Eine meiner Aufgaben ist es, Baltic Earth international zu repräsentieren und Werbung für das Netzwerk zu machen, da es ein offenes Netzwerk ist und jeder, der interessiert ist, eingeladen ist teilzunehmen.

Ein Produkt der Outreach-Aktivitäten ist das BACC-Buch und jetzt wird bald das BACC II-Buch veröffentlicht. Warum ist dieses Produkt Deiner Meinung nach wichtig und was ist seine Hauptzielgruppe?

BACC II COVER

Das BACC Buch hilft enorm dabei einen Überblick über das derzeitige Wissen zur Klimaveränderung in der Ostseeregion zu bekommen. Es fasst viele Hunderte wissenschaftliche Veröffentlichungen verschiedener Disziplinen in einem gut geschriebenen Textbuch zusammen. Es ist im Grunde ähnlich wie der IPCC-Report, der das Wissen über die globale Klimaveränderung umfassend zusammenbringt. Das BACC-Projekt tut dies auf einer regionalen Skala. Das wird zur Zeit auch in vielen anderen Weltregionen gemacht. Es ist wichtig, im Blick zu behalten, dass ein gewisser Konsens über die verfügbaren Informationen existiert, aber es muss auch klar gesagt werden, wenn kein Konsens gefunden werden kann. Was wissen wir bereits und wo stimmen Wissenschaftler nicht überein?

Ehrlich gesagt ist das Buch von Wissenschaftlern für Wissenschaftler geschrieben. Ich halte es jedoch für eine interdisziplinäre Wissenschaftsgemeinde für lesbar. Biologen sollten den atmosphärischen Teil lesen können und umgekehrt. Außerdem soll die Politik und die allgemeine Öffentlichkeit erreicht werden. Tatsächlich denke ich, dass Baltic Earth mehr „Outreach“-Produkte entwickeln muss, die auf dem BACC-Material beruhen. Es sind nicht nur die komplizierten wissenschaftlichen Inhalte, die für Nicht-Wissenschaftler zu kompliziert zu verstehen sein können, sondern auch die englische Wissenschaftssprache, die als extrem kompliziert empfunden werden kann. Daher beabsichtigt Baltic Earth nach der Veröffentlichung des BACC II-Buches kleine, einfach zu verstehende, zusammenfassende Broschüren in den Sprachen der Länder der Ostseeregion zu erstellen.

Was ist unternommen worden um die Zielgruppen zu erreichen?

Das Baltic Earth Sekretariat kommuniziert mit Hilfe von Mailverteilern und unserer Webseite, und wir sind auf verschiedenen Konferenzen vertreten um die wissenschaftlichen Inhalte des Berichts bekannt zu machen und um das Buch zu bewerben. So hoffen wir, den größten Teil der Wissenschaftsgemeinschaft der Ostseeregion zu erreichen. Es ist immer noch möglich, dass ein paar Leute nie davon gehört haben, obwohl wir versuchen, es auf vielen Kanälen bekannt zu machen, einschließlich der sozialen Medien.

Abgesehen von dem neuen BACC Buch, gibt es irgendwelche neuen Projekte, die Baltic Earth für die nähere Zukunft plant?

Wir werden im August zwei Sommerschulen in Schweden und Estland organisieren und auch zwei wissenschaftliche Workshops im November. Einer wird in Rom sein, zum Thema regionale Klimamodellierung, zusammen mit der mediterranen Forschungsgemeinschaft HyMex. Dieser Workshop ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir versuchen mit anderen vergleichbaren Forschungsnetzwerken in anderen Teilen der Welt zusammenzuarbeiten. Der zweite Workshop wird in Helsinki stattfinden. Dort geht es speziell um den Finnischen Meerbusen. Und im Juni 2016 wird die erste große Baltic Earth Konferenz in Nida auf der Kuhrischen Nehrung in Litauen stattfinden.

Ich möchte auch noch gerne die offizielle Premiere der BACC II-Buches auf der European Climate Change Adaptation Conference in Kopenhagen am 14. Mai erwähnen. Und gerade jetzt im April hatten wir eine gemeinsame Sitzung von BACC II und NOSCCA (einem ähnlichen Assessment-Bericht für die Nordsee) auf der Konferenz der European Geosciences Union in Wien.

Marcus, Du bist der Leiter des Baltic Earth Sekretariat. Wie bist Du dazu gekommen?

Ich habe 2005 hier am HZG angefangen. Damals war Hans-Jörg Isemer seit langen Jahren der Leiter des internationalen BALTEX-Sekretariats. Vor drei Jahren habe ich das übernommen und wurde der Leiter des Sekretariats und zusammen mit Silke Köppen und Hans-Jörg sind wir nun zu dritt im Sekretariat, aber ich bin der einzige Vollzeit-Baltic Earth-„Diener”. Der Übergang von BALTEX zu Baltic Earth ist in einem gewissen Teil auch „mein Baby”, also da steckt schon Herzblut drin. Aber ich möchte auch betonen, dass ich nicht alleine im Sekretariat bin und ich bin dankbar, dass mir Hans-Jörg beratend und kompetent zur Seite steht und ich bin Silke besonders dankbar für die Hilfe im administrativen und technischen Bereich.

Hast Du eine persönliche Beziehung zur Ostsee über die Du uns erzählen möchtest?

Strandkörbe Ostsee BACC

Ich habe an der Ostsee in Kiel und Rostock biologische Ozeanographie studiert und bin mit der Ozeanographie der Ostsee “sozialisiert” worden. Die Ostseeregion ist auch kulturell interessant und die Eltern meiner Mutter sind aus einer Stadt nicht weit von der Danziger Bucht. Dazu kommt noch, dass ich ein Segelboot besitze und ich finde die Ostsee ist ein viel interessanteres Segelrevier als die Nordsee.

Leiter Internationales Baltic Earth Sekretariat

Dr. Marcus Reckermann

Institut für Küstenforschung

Helmholtz-Zentrum Geesthacht

Tel: +49 (0)4152 87-1693

E-Mail Kontakt

Pressearbeit Institut für Küstenforschung

Jessica Klepgen
Jessica Klepgen

Institut für Küstenforschung

Helmholtz-Zentrum Geesthacht

Tel: +49 (0)4152 87-2833

E-Mail Kontakt