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Riesenwellen im Mittelmeer ?

Wie ungewöhnlich waren die Wellen, die am 03. März 2010 das Kreuzfahrtschiff „Louis Majesty“ beschädigten?

Nach Agenturmeldungen befand sich das unter zyprischer Flagge fahrende etwa 207 m lange Kreuzfahrtschiff „Louis Majesty“ am 03. März 2010 auf der Fahrt von Barcelona nach Genua, als es gegen etwa 16:30 Uhr etwa 24 Meilen nordöstlich von Capo San Stefano von drei massiven Wellen getroffen und schwer beschädigt wurde. Zum Zeitpunkt des Unglücks betrug die durchschnittliche Wellenhöhe nach Pressemeldungen etwa 3 m. Angaben zur Höhe der das Schiff beschädigenden Wellen schwanken je nach Quelle zwischen etwa 8 m und 10 m. Nach Angaben der Reederei und verbreiteter Pressemeldungen handelte es sich bei diesen Wellen um so genannte Monster- oder Riesenwellen.

Mit Seegang bezeichnet man die vom Wind erzeugte Bewegung der Wasseroberfläche. Diese setzt sich aus einem ganzen Spektrum verschiedenster Wellen unterschiedlicher Größe, Periode und Richtung zusammen. Zur Charakterisierung des Seegangs wird oft die so genannte „signifikante Wellenhöhe“ herangezogen. Darunter versteht man den Mittelwert der Wellen, deren Höhe lediglich von einem Drittel aller im Wellenfeld vorhandenen Wellen überschritten wird. Umgangssprachlich wird dieser Wert auch als vorherrschende oder kennzeichnende Wellenhöhe bezeichnet. Er entspricht in etwa der Wellenhöhe, die ein erfahrener Beobachter auf See als charakteristisch für den aktuellen Zustand bezeichnen würde.

Da es sich hierbei um durchschnittliche Werte handelt, folgt daraus unmittelbar, dass es auch immer einzelne Wellen gibt, die diesen Mittelwert um ein gewisses Maß überschreiten können. Wie wahrscheinlich es ist, dass bei einer gegebenen kennzeichnenden Wellenhöhe eine einzelne Welle die kennzeichnende Wellenhöhe um ein gewisses Maß überragt, lässt sich aus der Seegangstheorie ableiten. Als Monster- oder Riesenwellen bezeichnet man jene Wellen, die die kennzeichnende Wellenhöhe um ein Mehrfaches überragen und deren Auftreten bei der vorherrschenden Wellenhöhe äußerst unwahrscheinlich ist.

Zur Beantwortung der Frage, inwieweit die Höhe der das Kreuzfahrtschiff „Louis Majesty“ beschädigenden Wellen ungewöhnlich war, müssen demnach zwei Fragen betrachtet werden: Zum einen wie hoch war der kennzeichnende Seegang zum Zeitpunk des Unglücks, zum anderen wie hoch ist, unter diesen Umständen, die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einzelner etwa 8-10 m hoher Wellen.

Nach unterschiedlichen Agenturmeldungen herrschten zum Zeitpunkt des Unglücks im Unglücksgebiet Windgeschwindigkeiten von etwa 100-140 km/h. Aus Messungen und Theorie ist bekannt, dass Windgeschwindigkeiten von etwa 100 km/h nach etwa einer Stunde kennzeichnende Wellenhöhen von etwa 3 m erzeugen. Bereits nach zwei Stunden erreicht die kennzeichnende Wellenhöhe Werte von mehr als 4 m, nach drei Stunden Werte von knapp 6 m. Aufgrund der offiziellen Vorhersage der spanischen Behörden (Puertos del Estado) mussten zum Zeitpunkt des Unglücks im Revier bereits mit kennzeichnenden Wellenhöhen von etwa 4-5 m gerechnet werden (Abb. 1). Aus Bojenmessungen in der Nähe der Unfallstelle wurde später bekannt, dass die kennzeichnende Wellenhöhe zum Zeitpunkt des Unglücks noch höher war und etwa 5,4 m betrug (Abb. 1).

Mit Hilfe der Seegangstheorie kann anhand dieser Werte abgeschätzt werden, wie hoch unter den gegebenen Umständen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von 8-10 m hohen Einzelwellen ist. Demnach ergibt sich, dass etwa jede achtzigste Welle höher als 8 m bzw. etwa jede eintausendste Welle höher als 10 m zu erwarten ist. Bei gemessenen Perioden um etwa 8 s ergibt sich demnach, dass bei einer vorherrschende Wellenhöhe von 5,4 m etwa alle 10 Minuten mit einer einzelnen Welle von mehr als 8 m und etwa alle zwei bis zweieinhalb Stunden mit einer Welle von mehr als 10 m Höhe gerechnet werden muss.

Als Monster- oder Riesenwellen werden üblicherweise Wellen bezeichnet, die die kennzeichnende (signifikante) Wellenhöhe um mehr als das Zweifache überragen. Oft wird hierbei ein Faktor von 2,2 oder mehr verwendet. Solche Wellen sollten um ein Vielfaches seltener auftreten, nämlich lediglich etwa einmal innerhalb von 10.000 Fällen (Wellen). Bei den Wellen, die das Kreuzfahrtschiff „Louis Majesty“ am 03. März im Mittelmeer trafen und schwer beschädigten handelte es sich demnach vermutlich um hohe, allerdings nicht um außergewöhnlich hohe Monster- oder Riesenwellen.

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Abb.: Gemessene (Punkte) und vorhergesagte (durchgezogene Linie) kennzeichnende Wellenhöhe an der Boje Cabo Begur in der Nähe des Unglücksortes. Das Unglück ereignete sich bei einer gemessenen Wellenhöhe von ca. 5,4 m. (Quelle: Puertos del Estado; www.puertos.es)

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