23.10.2008 News
50 Jahre „Neutronen für die Wissenschaft“
Vom Schiffsantrieb zur Material- und Küstenforschung
NS Otto Hahn
Das GKSS-Forschungszentrum wurde 1956 als Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt GmbH (GKSS) im Geesthachter Ortsteil Krümmel gegründet. Um die Entwicklung des Kernenergieantriebes im Rahmen der zivilen Schifffahrt zu ermöglichen, begann ein Jahr später der Bau des Forschungsreaktors (FRG-1).
Am 23. Oktober 1958 wurde der Reaktor zum ersten Mal in Betrieb genommen und erreichte in nur wenigen Monaten seine Maximalleistung von 5 Megawatt.
Rund zehn Jahre später lief die NS OTTO HAHN vom Stapel und fand die erste Fahrt mit Reaktorantrieb statt. Mitte der 70er Jahre führten Studien zu dem Ergebnis, dass ein wirtschaftlicher Einsatz nuklear betriebener Frachtschiffe jedoch nicht möglich ist. Diese Neueinschätzung führte nach über zehnjährigem störungsfreiem Betrieb im Februar 1979 zur Stilllegung der NS OTTO HAHN.
Angelehnt an die veränderten wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen hat sich das Profil des GKSS-Forschungszentrums in den darauf folgenden Jahrzehnten völlig gewandelt.
Bezogen auf ein jährliches Gesamtvolumen von etwa 80 Millionen Euro fließen heute über 80% der GKSS-Mittel in die neuen Schwerpunkte Material- und Küstenforschung.
Der Blick in das Detail
Im Gegensatz zu Röntgenstrahlen (links) dringen Neutronen (rechts) deutlich tiefer in Materialien ein und ermöglichen so wesentlich detailliertere Aussagen über das Innere von Bauteilen und Werkstoffen.
Der Forschungsreaktor FRG-1 in Geesthacht gehört heute zu den modernsten Neutronenquellen Europas und ist ein wichtiges Werkzeug für die Werkstoffforschung. Ähnlich wie Röntgenstrahlen durchdringen Neutronen zerstörungsfrei unter anderem Metalle und Kunststoffe und geben Aufschluss über deren innere Struktur. Viele innovative Entwicklungen und Entdeckungen wären ohne die Nutzung von Neutronen nicht denkbar gewesen: zum Beispiel neue und sichere Werkstoffe für die Verkehrstechnik, moderne Spurenanalytik in der Umwelttechnik und innovative Nanomaterialien.
Abschaltung des FRG-1 – Neue Perspektiven für Materialforscher
Der Betrieb von Großgeräten – wie etwa einer Neutronenquelle – ist sehr kostspielig. Deshalb wird in Forschungsgemeinschaften Infrastruktur effektiv gebündelt. In Garching betreibt die Technische Universität in München mit der Forschungsneutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz – (FRM2) heute einen der leistungsfähigsten Forschungsreaktoren weltweit, der von Wissenschaftlern aus aller Welt genutzt wird. Auch das GKSS-Forschungszentrum betreibt hier bereits einen Messplatz.
Die dortige Forschung der GKSS befasst sich unter anderem mit neuartigen magnetischen Materialien für noch kleinere Computerfestplatten. Das Verständnis über bioverträgliche Grenzschichten zwischen Festkörpern wie Metall oder Plastik und lebender Materie wird neue Perspektiven, insbesondere in der Implantat-Medizin ermöglichen.
Betriebsbedingte Kündigungen wird es im Rahmen der Abschaltung des FRG-1 nicht geben. „Auf unsere hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden wir auch in Zukunft nicht verzichten können, denn unsere heutigen Schwerpunkte Material- und Küstenforschung erfordern ebenfalls höchstes technisches Know-how“, erklärt Professor Wolfgang Kaysser, Wissenschaftlich-technischer Geschäftsführer des GKSS-Forschungszentrums Geesthacht.
Analyse von Proben mit einem Diffraktometer am Deutschen Elektronen Synchrotron (DESY)
Der geordnete und reglementierte Rückbau des FRG-1 wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen. „Unser Ziel ist dabei die so genannte „Grüne Wiese“, ein vollständiger Rückbau des FRG-1“, verdeutlicht Professor Kaysser den bevorstehenden Prozess.
„Dem Zeitpunkt der Abschaltung blicken wir mit Wehmut, aber auch mit Aufbruchstimmung entgegen. Dank der Zusammenarbeit mit dem DESY (Deutsches Elektronen Synchrotron) werden wir in Hamburg weiterhin neue Forschungsprojekte im Bereich der Strukturanalyse von neuen Materialien mit Hilfe der Synchrotronstrahlung vorantreiben“, so Kaysser weiter.
Am 19. November veranstaltet das GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht unter dem Motto „50 Jahre Neutronen für die Wissenschaft“ ein Fachkolloquium.
Weiterführende Informationen:
Geschichte des GKSS-Forschungszentrums
Geesthachter Neutronenforschungseinrichtung
- Industrieforum 2008 – Neue Materialien im Licht der Zukunft
Bildmaterial:
Bildunterschrift: In der Versuchshalle des FRG-1 treffen die Neutronen auf die Proben der Materialforscher.
Bildunterschrift: Analyse von Proben mit einem Diffraktometer am Deutschen Elektronen Synchrotron (DESY) Copyright: GKSS-Forschungszentrum Geesthacht

