GKSS Forschungszentrum, Thursday, 17-May-2012 12:48:27 CEST
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04.05.2010 Interview

Ölunfall im Golf von Mexiko droht zu einer großen Umweltkatastrophe zu werden

Ende vergangener Woche erreichte der Ölteppich im Golf von Mexiko die US-amerikanische Küste und droht, zu einem der größten Ölunfälle zu werden. Um im Schadstoffunfall schnell handeln zu können, ist eine Vorsorgeplanung seitens des Küstenschutzes unerlässlich. Zur Vorsorgeplanung für das norddeutsche Wattenmeer entwickelten Küstenforscher des GKSS-Forschungszentrums Geesthacht das „Sensitivitätsraster Deutsche Nordseeküste II“, welches die Sensitivitätsklassen der Küstenbereiche und Flussmündungen jahreszeitlich differenziert darstellt.
So wäre das Havariekommando Cuxhaven bei einem Ölunfall in der Lage, die vorrangig zu schützenden sensitiven Regionen sofort zu identifizieren. Carlo van Bernem, Biologe am Institut für Küstenforschung in Geesthacht, spricht über die Katastrophe am Mississippi-Delta.

Wie kann jetzt schnell und zielgerichtet gehandelt werden, nachdem der Ölteppich das Mississippi-Delta erreicht hat?
Carlo van Bernem: Das ist problematisch. Die Mangrovenküste ist morphologisch sehr differenziert und der Küstenverlauf hochkomplex, es ist nahezu unmöglich, dort mit großem Reinigungsgerät vorzudringen. Wenn das Öl in die Mangrovenwälder gelangt, kann man eigentlich nichts mehr machen.
Gab es in der Vergangenheit eine vergleichbare Katastrophe?

GKSS-Küstenforscher Carlo van Bernem. GKSS-Küstenforscher Carlo van Bernem.

CvB: 1986 gab es einen Ölunfall bei Panama. Dieser wurde sehr gut untersucht. Ein Vorratstank mit 10.000 Litern Rohöl lief aus und verseuchte die Mangrovenwälder und Korallenriffe. Das hatte intensive Schädigungen zur Folge. Die Pneumatophoren der Luftwurzeln wurden durch das aufgelagerte Öl verstopft.

Die Bäume im landwertigen Bereich starben fast flächendeckend ab, im seewertigen Bereich vor allem die Sprösslinge. Bei den Korallen waren einige Bereiche sehr stark betroffen, was für den Küstenschutz eine verheerende Wirkung hat, denn die Korallenriffe dienen als Wellenbrecher sowie Energieeinsammler und -abschwächer.

Wenn Mangrovenwälder und Korallenriffe geschädigt sind und z.B. ein Hurricane über die Küste fegt, ist die Küstenschutzfunktion stark beeinträchtigt. Zudem hat ein solcher Ölunfall langfristige Folgen, es gibt dort viele dicht siedelnde Organismen, Winkerkrabben, Landkrabben, Austern, Schnecken oder Würmer, die bis zu ein Meter tiefe Wohnröhren bauen.

In diese Wohnröhren kann das Öl einsickern, dringt in alle Sedimentbereiche und kann dann mikrobiologisch kaum noch abgebaut werden. Es gibt weltweit immer wieder Ölunfälle, die Korallenriffe und Mangrovenwälder treffen aber hier hat man wirklich den Eindruck, dass es sich zu einem sehr großen Ölunfall entwickeln wird.

Welche Tierarten in Meer und Küste sind am stärksten von der Katastrophe betroffen?
CvB: Am stärksten sind die betroffen, die unter der chemisch-toxischen Wirkung der löslichen Bestandteile des Öls und der physikalischen Abdeckung der Ölschicht leiden, also die Organismen, die im Küstenbereich leben. Sehr stark betroffen sind z.B. Jungkrebse sowie sämtliche Fisch- und Vogelarten.
Welche kurz- und langfristigen Schäden sind in den Ökosystemen zu erwarten?
CvB: Die Auswirkungen auf den Küstenschutz sind die bedeutsamsten. Langfristig werden Veränderungen in den Populationsgefügen und Siedlungsgemeinschaften sowie Regenerationsprobleme sichtbar. Es kommt zum Absterben der Mangrovenwälder und zu Beeinträchtigungen der vorgelagerten Korallen.

Die Regeneration von Mangroven dauert sehr lange. Bis die Wälder sich wieder regeneriert haben, können mehr als 20 Jahre vergehen. Kurzfristig werden Folgen in der Fischerei zu spüren sein, Netze werden verschmutzt und der Fang ist dann nicht mehr verkaufbar, die Organismen sterben, die Bestände reduzieren sich. Für örtlich begrenzte Gebiete kann die Fischerei sogar auf Jahre hinaus zum Erliegen kommen.
Wie genau käme das Sensitivitätsraster bei einem Ölunfall im Wattenmeer zum Einsatz?

Ergebniskarte für einen Ausschnitt im größeren Bereich der Elbemündung. Ergebniskarte für einen Ausschnitt im größeren Bereich der Elbemündung.

CvB: Das Raster dient vornehmlich der Vorsorgeplanung, das heißt, für besonders empfindliche Bereiche und bestimmte Zeiten kann man lokale spezifische Bekämpfungsmaßnahmen für den Notfall entwerfen. Bei der Reparation bzw. dem finanziellen Ausgleich eines Ölschadens weiß man außerdem genau, was dort angesiedelt war.

Man kann versuchen, im Raster besonders empfindliche Zonen durch mechanische Hilfsmittel mehr zu schützen und die Reinigung bestimmter Zonen zu intensivieren. Außerdem können besondere Brutgebiete mit chemischen Bekämpfungsmitteln gerettet werden, so dass kein Ölteppich auf der Oberfläche des Wassers treibt und die Vögel schädigt.

Welche langfristigen Vorsorgemaßnahmen für Ölunfälle traf der amerikanische Küstenschutz?
CvB: Trotz der unendlichen Größe der Küste sind die Vorsorgemaßnahmen des amerikanischen Küstenschutzes sehr weit fortgeschritten. Dort liegt der Schutz in den Händen der Abteilung zur Katastrophenbekämpfung innerhalb der NOAA.

In Zusammenarbeit mit der Coast Guard stehen alle Möglichkeiten zur Verfügung, effektiv Öl zu bekämpfen. Allerdings hat mit einem derartigen Unfall niemand gerechnet. Hinzukommt die Abhängigkeit von den Wetterverhältnissen, zur Zeit des Unfalls war die See extrem unruhig, so war es schwieriger, das Öl einzudämmen und von der Oberfläche abzusaugen. Die See war zu stürmisch, um mit Sea Booms zu arbeiten.

Da ist man machtlos. Man kann dann noch dispergieren, aber wenn das Öl einige Tage alt ist und sich das so genannte Chocolat Mousse gebildet hat, ist es chemisch nicht mehr bekämpfbar.
Gibt es im amerikanischen Küstenschutz vergleichbare Projekte wie das Sensitivitätsraster II?
CvB: Dort gibt es auch ein Sensitivitätsraster, das ist aber nicht so detailliert wie das unsere. Das Raster für das Wattenmeer bezieht sich auf nur einen ähnlich hoch empfindlichen Küstensaum.

Am Mississippi-Delta sind die Mangroven insgesamt als empfindlich gekennzeichnet, es werden bis auf Naturschutzgebiete, z.B. die Mississippi-Mündung, Hafenanlagen oder Marinas keine weiteren Unterschiede gemacht.

Detaillierter kann man das bei dieser riesigen Küste auch nicht machen. Was dort getan werden kann ist auch getan worden. Die Ölbekämpfung war gut gerüstet aber man hat sehr viel Pech gehabt.

Weitere Informationen

Ölunfall im Wattenmeer! Welche Gebiete sind besonders bedroht? (Pressemitteilung vom 27.11.2007)

Sensitivitätskartierung im deutschen Wattenmeer (Artikel im GKSS-Jahresbericht 2007)


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